Rekorde im Alltag

Wenn das Familienleben H?chstleistungen hervorbringt

Von Anke Brinkmann

Unsere Kinder sind rekordverd?chtig!

Ich hoffe, Sie erschrecken bei dieser überschrift nicht. Kinder und Rekorde – das klingt nach Leistungsdruck und Eislaufmama, nach Schl?gereien von V?tern am Rande des Fu?ballpokals der Fünfj?hrigen. Nein. Oh nein. Unsere Kinder brauchen weder Druck noch verbissene Eltern, um aus sich heraus ganz eigene Rekorde aufzustellen.

Haben Sie schon einmal versucht, beim Essen von Nudeln mit Tomatenso?e ihr gesamtes Gesicht, die neue Hose, H?nde und das T-Shirt rot zu f?rben? Das ist gar nicht so einfach. Meine Tochter ist ganz nebenbei noch Rekordhalterin in der Disziplin "W?nde f?rben"! Leider habe ich beim Waschen und Putzen meistens nicht genug Zeit, um meinem Stolz darüber Ausdruck zu verleihen.

Und wie sieht es mit der Lernkurve unserer Kleinsten aus? Die ist rekordverd?chtig steil. Nicht nur bei komplizierten Aufgaben wie Gehen, Sprechen, Radfahren, Lesen, Rechnen, Schreiben und Flüche einpr?gen. Nein, auch exotische Disziplinen wie "das Gel?nder runterrutschen, obwohl Mama schreit" werden rekordverd?chtig schnell bew?ltigt. Tolle Sache.

Kinder, die nicht lesen k?nnen, wissen innerhalb weniger Minuten, wie die Tüte mit den Lieblingsgummitieren aussieht. Unsere Kindergartenfreundin Sandra kann sogar eine Reihe aus Puddingbechern nach deren Geschmacksrichtungen bilden. Schoko, Vanille, Karamell und Erdbeere. Sandra futtert generell ziemlich gerne und ihre Mutter ist trotzdem nicht stolz darauf, dass die Kleine schon mit einem Jahr "Hamburger" gesagt hat, wenn sie sich im Auto einem gelben M auch nur n?herte. Mal im Ernst, unabh?ngig von mütterlichen Sorgen um gute Ern?hrung – das ist eine unfassbar rekordverd?chtige Transferleistung für so eine kleine Maus.

Ich h?re immer wieder von Kindern, die genau nach ihrer Laune ausw?hlen, wann sie zur Toilette gehen wollen. Diese Gelassenheit, die den meisten Müttern relativ fremd ist, muss man erst mal aufbringen. Unbeeindruckt von angeblichen Sachzw?ngen wie "aber Liebes, wir sind mit dem Auto unterwegs und wenn es dann zu schnell gehen muss, haben wir ein Problem" bleiben unsere Kleinen geradlinig bei ihrer Strategie, nur dann zu gehen, wenn sie Lust dazu haben. So rekordverd?chtig konsequent w?re ich gerne mal selbst, wenn ich mir etwas vorgenommen habe.
An meiner Tochter hat mich im berühmt-berüchtigten zweiten Lebensjahr immer wieder beeindruckt, wie rekordverd?chtig stark man sich über Dinge aufregen kann. Ein falsch geschnittenes Butterbrot, der gelbe statt des grünen Bechers, eine Hummel auf dem Balkon? Alles ausreichende Gründe, sich mindestens auf den Boden zu werfen, rekordverd?chtig rot anzulaufen und zu brüllen. Minutenlang. Untr?stlich.

Apropos brüllen. Versuchen Sie jetzt gleich mal so laut zu brüllen wie ein schlecht gelauntes Baby. Los, nur Mut. Zehn Minuten am Stück zu brüllen, quasi ohne Luft zu holen? Das schaffen wir überhaupt nicht. Unsere Kleinen haben das drauf. Ich wei? nicht genau, ob irgendein Juror dieser Erde die Nerven h?tte, einen Weltrekordversuch mit hundert schreienden Babys auszuhalten. Aber spannend w?re das schon. Natürlich würde man das aus ethischen Gründen nicht machen. Auch unser Nachwuchs schreit ja nicht wirklich gerne, oder doch? Es gab Zeiten, da war ich mir da nicht so sicher.

Einen absoluten Rekord, der eng mit dem Brüllen verknüpft war, musste meine Kleine absolvieren. Das Kind hatte sich tats?chlich "einfallen lassen", sechs Z?hne auf einmal zu bekommen – mit zarten vier Monaten. Ich wei?, ich wei?: Sie wurde zu diesem Versuch von ihren verdammten Schnellstartergenen gezwungen. Es war furchtbar. Wir haben alle gemeinsam gelitten.

Der Sohn von Tina, einer Leserin, versuchte zu gehen, bevor er krabbeln oder sitzen konnte. Es war ihm auch nicht bewusst, dass er sich an Gegenst?nden hochziehen kann. Er ging in eine Art Vierfü?lerstand und schob den Po hoch. Ein sü?es, kleines Dreieck quasi. Diese Position ("K?pfchen auf den Boden, Windel in die H?h'") hielt er bis zu zwei Stunden am Stück durch. Zeigen Sie mir einen Erwachsenen, gerne auch einen Spitzensportler, der das kann! Dann h?re ich auf, über Rekorde zu reden. Der Kleine hat das Projekt nach einigen Wochen übrigens abgebrochen und dann doch lieber gelernt, erst mal zu krabbeln. Vielleicht war es ja auch hilfreich, dass Tinas Mann jeden Abend zwei Stunden lang zeigte, wie man krabbelt. Tina fand diese Zeit ganz lustig, mit beiden M?nnern, die irgendwie auf dem Parkett verhaftet waren.

Eine rekordverd?chtige Sache an Kindern ist mir noch eingefallen, etwas Subtileres. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, was Kinder für ein tolles Timing haben? Die Windel wird immer erst so richtig voll, wenn man unterwegs ist. Hunger oder Durst stellen sich erst dann ein, wenn sie im Bett liegen. Erst wenn ein anderes Kind das Sandf?rmchen benutzt, brauchen sie es, als hinge ihr Leben davon ab. Wenn man gerade losgehen will, muss der Teddy noch zugedeckt werden und so weiter. Das ist auch eine ganz spezielle F?higkeit, oder nicht?

Insgesamt ?hnelt das Leben mit Kindern einem Wettlauf. Einem Wettlauf, der trotz aller Anstrengung immer wunderbar und fr?hlich ist. Wir Mütter sind gleichzeitig Teilnehmer, Schiedsrichter und Berichterstatter. Schon eine besondere Aufgabe – eine besonders sch?ne, wie ich finde.
Anke Brinkmann lebt mit ihrem Mann und der fünfj?hrigen Tochter in München. Sie liebt es, Familiengeschichten zu schreiben – ihre eigenen und auch die von anderen. Dabei ist es ihr besonders wichtig, vom echten, ungeschminkten Leben als Familie zu erz?hlen. Zum Brüllen komisch und manchmal nervig und fordernd bis zum Anschlag! Als Autorin ihres pers?nlichen Blogs muttiglueck.de erreicht Anke jeden Monat sehr viele Eltern und h?rt sehr viele Geschichten. Einige davon teilt sie hier in ihrer Mama-Kolumne mit uns.

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